Die Geschichte des Wilhelminenhauses

Die Geschichte des Wilhelminenhauses

Nach der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 traten im Rahmen der zunehmenden Industrialisierung und der wachsenden sozialen Not der Arbeiterschaft deutliche Spannungen auf. Der deutsche Reichskanzler Bismarck hatte die Sprengkraft der sozialen Gegensätze erkannt und wollte dem durch Schaffen einer Sozialgesetzgebung entgegenwirken. Er führte 1881 zunächst eine Kranken- und Unfallversicherung, später auch eine Rentenversicherung ein. Die Krankenversicherung war als Zwangsversicherung konzipiert. 1883 wurde ein entsprechendes Gesetz vom Reichstag verabschiedet.

 

Als Konsequenz erschien in der Kieler Zeitung am 8.11.1884 eine „Bekanntmachung betreffend die Errichtung einer gemeinsamen Orts-Krankenkasse und die Verpflichtung der Arbeitgeber zur An- und Abmeldung versicherungspflichtiger Personen“. Noch im November 1884 wurde eine „Gemeinsame Ortskrankenkasse zu Kiel“ gegründet und ihr Vorstand in einer Generalversammlung gewählt. Der erste Vorsitzende des Vorstandes ist ab dem 1.12.1884 der Seifenfabrikant Carl Petersen. Dieser wird 10 Jahre später in dieser Position durch Gustav Romacker abgelöst.

Die neugegründete Krankenkasse arbeitete zunächst in angemieteten Räumlichkeiten im Jungfernstieg. Am Beginn im Jahre 1884 verzeichnete die Kasse 1000 Mitglieder, aus denen allerdings 6 Jahre später bereits 10.000 geworden waren. 1901 verlegte die Kasse ihre Tätigkeit in ein erstes eigenes Gebäude im Knooper Weg 27. Aber auch hier wurde es angesichts der exponentiell steigenden Versichertenzahlen schnell zu eng. So dachte man schon nach wenigen Jahren an einen weiteren Umzug in ein noch größeres Verwaltungsgebäude, welches allerdings erst gebaut werden mußte.

 

 

 

 

 

Zu diesem Zweck wurde von der Kasse im Jahr 1912 ein Architektenwettbewerb veranstaltet. Unter 32 Einsendungen errang der Entwurf des Kieler Architekt C. Mannhardt den ersten Preis. Das dazugehörige Baugrundstück wurde im November 1913 in der Wilhelminenstraße erworben, also „in einem freundlichen und verkehrsstillen Teile der Stadt, und dabei doch bequem von allen Seiten zu Fuß und mit der Straßenbahn zu erreichen“.

Die Errichtung des neuen Gebäudes gelang in erstaunlich kurzer Zeit. Der Baubeginn lag im März 1914, der Erstbezug durch die OKK erfolgte zum 1.9.1915. Der Bau wurde „in bodenständigem Material, in roten Ziegeln, ausgeführt“. Der Grundgedanke des architektonischen Konzepts war, „die Arbeitsräume mit viel Licht und Sonne zu füllen“. Dies konnte durch die Vielzahl der Außenfenster wie auch durch den zentralen, 70 qm großen Lichtschacht in der Mitte der nahezu quadratischen Grundfläche erreicht werden.

Architekt Mannhardt, nach dessen Plänen das Haus gebaut worden war, durfte das Haus nach seiner Fertigstellung im Betrieb leider nicht mehr erleben. Er fiel im ersten Weltkrieg.

Ebenerdig bestach das neue Gebäude durch einen weiten, übersichtlicheren Schalterraum mit insgesamt 13 Kassenschaltern. Im Untergeschoss überraschte der große, dunkel holzgetäfelte Sitzungssaal für den 15 Mitglieder zählenden Kassenvorstand durch seine vornehme Einrichtung.

 

 

 

Das Obergeschoss beherbergte eine kasseneigene Zahnklinik, Räume für leitende Ärzte und einen Vertrauensarzt, ein Röntgenzimmer sowie interessanterweise von Anfang an auch einen Raum für die Untersuchung von Augenpatienten.

Und noch erstaunlicher: es gab eine kasseneigene Abgabestelle für Brillen, die sich in diesen ersten Jahren gut entwickelte. So wurden allein 1925 in „unserem“ Gebäude von der OKK 2.930 Brillen für Mitglieder und Angehörige abgegeben.

 

 

Im Sommer 1942 wird der Dachstuhl des Gebäudes nach Bombentreffern durch Feuer vollständig vernichtet. Gleichwohl geht der Betrieb – nach Errichtung eines neuen Dachstuhls – in den unteren Etagen zunächst weiter. Bei einem weiteren schweren Bombenangriff, der sich in der Nacht zum 26.8.1944 über Stunden hinstreckte, wird das Gebäude dann aber nahezu vollständig zerstört. Die gesamte Inneneinrichtung mit allen Karteien und Akten wurde ein Raub der Flammen.

Erst 1949, also 4 Jahre nach Kriegsende, konnte man sich nach eingehender Untersuchung entschließen, die Ruine nicht abzureißen, sondern unter der Leitung des Kieler Architekten R. Lukas wiederaufzubauen. Bereits am 10.2.1950 wurde das nun neu errichtete Verwaltungsgebäude der OKK Kiel in einer Feierstunde wiederum seiner alten und neuen Bestimmung übergeben.

Schnell wurde das Haus für die immer weiter wachsenden Aufgaben der Kasse zu klein. So fand der erste Spatenstich für den an die Rückseite des Hauses angedockten Neubau in der Gartenstraße am 3.7.1964 statt. Der Umzug innerhalb der fertigen Gebäude zwischen Wilhelminenstraße und Gartenstraße, die im Niveau aller Geschosse durch Innenflure miteinander verbunden wurden, war im Februar 1966 abgeschlossen.

 

 

Ein weiterer Umbau des Altgebäudes in der Wilhelminenstraße fand 1971 statt, nachdem also große Funktionsfelder aus dem Alt – in den Neubau verlagert worden waren: die dreigeschossige, zentrale ehemalige Kassenhalle wurde durch den Einbau von Zwischendecken vertikal zergliedert. Man wollte Nutzfläche gewinnen – im 2. OG als Bürofläche, im 1. OG durch Schaffung eines zentralen, allseitig geschlossenen Aktenlagerraumes. Dieser Umbau lag in den Händen des Hamburger Architekten Jürgen Kruschak.

Eine Sanierung des aus dem Jahr 1949 stammenden Flachdaches schloß sich 1978 an. Da die Unterdecke an der alten Dachkonstruktion befestigt war, wurde das alte Dach unverändert belassen und die neue Dachkonstruktion kurzerhand in einer zusätzlichen Höhe von 1,20 m dem alten Dach übergestülpt. Der Bauverantwortliche war Ing. Jürgen Cordes, Klausdorf / Schwentine.

Die Krankenkasse beging 1984 ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Jahr 1999 verlegte sie ihre nahezu gesamte Verwaltungstätigkeit in einen Neubau in Wellsee. Ihre Gebäude in der Wilhelminen- und Gartenstraße verkaufte die Kasse an das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein.

Mieter des Hauses in der Wilhelminenstraße wurde der Augenarzt Dr. Yorck Walpuski. Er hatte 10 Jahre zuvor die Leitung der augenärztlichen Gemeinschaftspraxis in der Kirchhofallee von Prof. Uthoff übernommen und war seit längerer Zeit wegen zunehmenden Platzmangels auf der Suche nach einem neuen Praxisstandort gewesen. Diesen neuen Standort fand er schließlich im alten AOK-Gebäude in der Wilhelminenstraße und so wurde das Gebäude in den Jahren 2000 / 2001 unter der Leitung des Architekten Peers in allen Geschossen zu einer modernen augenärztlichen Gemeinschaftspraxis umgebaut.

Am 1.7.2001 wurde die augenärztliche Tätigkeit in der Wilhelminenstraße aufgenommen. Bei stetig steigenden Patientenzahlen waren in der Praxis bis zu 9 Fachärzte und 7 Assistenzärzte tätig. Eines der Kennzeichen der Praxis war die enge Kooperation mit der Augenklinik Bellevue.

 

Eine neue Phase begann auf den Tag genau 10 Jahre später: die Ärzteschaft hatte sich zum 1.7.2011 innerhalb Kiels auf zwei Standorte aufgeteilt. In der Wilhelminenstraße wurde die Gemeinschaftspraxis nun durch die Fachärzte für Augenheilkunde Dr. Walpuski, Dr. Nerdal, Dr. Thielert, Dr. Oggel und Dr. Kiese geführt. Gleichzeitig wurde das gesamte 2. Obergeschoss beginnend im Dezember 2011 bis zum 30.6.2012 zu einem modernen augenärztlichen OP-Zentrum umgebaut. Anfang Juli 2012 fanden hier die ersten augenärztlichen Operationen statt.

 

Eine weitere Strukturänderung vollzog sich zum 1.4.2017: Frau Dr. Nerdal und Frau Dr. Thielert verließen die Gemeinschaftspraxis im Wilhelminenhaus, um im Haus der Optik in der Kirchhofallee 35 in Kiel eine konservative Zweier-Gemeinschaftspraxis zu gründen, die ihrerseits mit dem Wilhelminenhaus in Kooperation verbunden sein sollte.

 


Das WILHELMINENHAUS wurde zum gleichen Zeitpunkt nun zum Medizinischen Versorgungszentrum, geführt durch die Partnerschaftsgesellschaft Dr. Yorck Walpuski & Dr. Felix Kiese.